behind the scenes pt. 1

Ende September hatten wir unsere offizielle „Halbzeit“ und da ich in meinen Blogbeiträgen bisher immer sehr sachlich die Reise geschildert bzw. dokumentiert habe, dachte ich es wäre ein toller Zeitpunkt um euch mal ein bisschen mehr zu erzählen:

Juli bis Oktober 2019

Anfang Juli ging die große Sause los und als komplette Camper Jungfrauen sind wir einfach mal losgefahren um zu sehen wie uns das Leben als Nomaden in Europa gefallen würde. Wenn ich ehrlich bin habe ich mich vorher überhaupt nicht damit auseinandergesetzt wie man ein Leben im Auto führt. Wenns auf Pinterest gut aussieht, dann muss es erstrebenswert sein oder? Aber ich hatte keine Vorstellung davon wie es wäre ein halbes Jahr lang mit derselben Person auf engstem Raum zu verbringen. Ich habe mich total in die Reiseplanung verbissen, für mich war es am wichtigsten keinen tollen Ort zu verpassen, ich wollte jede 0815 Touri Wanderung machen und einfach alles fotografieren was das Zeug hält, damit ich die Erinnerungen für immer habe. Sehr geprägt von sozialen Medien und berühmten Travelbloggern entstand dann auch unsere Route. Simon ist der Typ Mensch der sehr wenig plant (in Bezug auf Reisen) und er war sichtlich froh das ich den Part übernahm, so wie ich froh war das er sich um unsere Technik im Wohnmobil kümmert und wie es funktioniert Grau- und Schwarzwasser zu leeren. Welche Knöpfe und Schalter man umlegen muss damit der Kühlschrank funktioniert und man mit Gas kochen kann. Ich war so extrem planlos, ich hätte mir nicht mal einen Topf Nudeln kochen können. So hatte jeder seine Stärken und Schwächen aber gemeinsam hat es zum Glück so gut zusammengepasst das wir einen wirklich super Start hatten. Die ersten drei Wochen waren extrem aufregend aber auch total anstrengend. Wir wussten das es einen Unterschied gibt zwischen Reisen und Urlaub machen (und der ist rießig!) weshalb wir uns am Anfang extra vorgenommen haben nicht zu vieles zu schnell zu machen, und trotzdem war es gar nicht so einfach. Wir hatten keine Routine, einerseits wollten wir entspannen aber andererseits sind es jeden Tag aufs Neue dieselben Aufgaben die einfach erledigt werden müssen. Kleinigkeiten wie Geschirrabwaschen, öffentliche Toiletten suchen, Hundespaziergänge, Müll entsorgen, Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen, Einpacken, Auspacken, Tanken, usw. mussten koordiniert werden und gemeinsam auf engstem Raum erledigt werden. Ich hatte mir das ehrlich gesagt alles ganz anders vorgestellt. Plötzlich war es das wichtigste richtig miteinander zu kommunizieren. Wer macht was, wer möchte was und wie findet man das richtige Tempo? Simon ist ein Langschläfer, ich leider nicht. Anfangs war ich immer extrem früh wach, zu Hause ist das kein Problem, weil ich dann einfach das Schlafzimmer verlasse. Wenn ich im Wohnmobil aufstehe, dann steht Maki auch auf und macht die typischen Hundegeräusche, durch mein Gewicht und meine Bewegungen wackelt das WoMo, kurz gesagt: Simon wird dann auch wach. Ich bin jemand der ganz viel in Wäldern und somit auch im Schmutz unterwegs ist. WoMo putzen und saugen war somit täglich Brot.

Ja man muss nicht um 0700 bei der Arbeit erscheinen und der ganze Tag geht fürs Geld verdienen drauf, aber von der wild romantischen Vorstellung vom Vanlife waren wir Anfangs weit entfernt.

Bekannte, Freunde und Verwandte sind natürlich wahnsinnig interessiert wie es uns denn geht. Und ich fing an mich ein bisschen hinter meinen Blog zu verstecken. Per Whatsapp ein kurzes: Uns gehts gut! Wir sind am Ort X angekommen. Die Blog Beiträge habe ich meistens einige Tage oder Wochen später verfasst und immer in Kombination mit meiner Fotografie. Streitereien und Probleme von früher waren dann schon lang vergessen und sowieso sollte es in meinem Blog nicht darum gehen über was wir uns zanken. Was ich damit sagen will ist, wir haben definitiv eine total schöne Zeit gemeinsam und versuchen so viel wie möglich zu genießen! Dennoch ist nicht alles Gold was glänzt und auch wir haben einige Zeit gebraucht miteinander an einem Strang zu ziehen. Denn es hat auch jeder sein eigenes Ego und seine eigenen Bedürfnisse mit ins Wohnmobil gebracht.

Nach drei Wochen hatten wir dann einen totalen Einbruch und stritten uns fast täglich. Es ging dabei um Kleinigkeiten aber trotzdem war keine normale Streitkultur mehr möglich und ich war verzweifelt. Es hätte doch das beste halbe Jahr meines Lebens werden sollen, frei sein, keine Sorgen haben, Kreativität ausleben und jeden Tag genießen! Wir waren an einem Punkt an dem nichts mehr zwischen uns funktionierte und ich habe bereits mit dem Gedanken gespielt die Reise abzubrechen. Wir waren irgendwo in Norwegen, alles war arschteuer und während ich über einen kurzen Hotelbreak nachdachte wurde mir bewusst dass es weder daran lag das wir gemeinsam auf so engem Raum wohnen, noch das wir nicht zusammenpassen würden. Uns selbst ging das andauernde Gezicke und die gegenseitigen Vorwürfe auch mächtig auf die Eier und wir wollten beide definitiv etwas ändern. Wir wollten beide eine schöne Zeit miteinander. Wir haben keine Sofortlösung gefunden, wir arbeiten jetzt noch daran. Sich selbst einfach mal nicht so wichtig nehmen, lieber mal weniger sagen und öfter raus gehen und auch mal alleine etwas unternehmen. Dadurch das uns bewusst wurde das „einfach mal ein halbes Jahr in der Gegend rumreisen“ einem nicht in den Schoß fällt, sondern man auch WÄHRENDDESSEN etwas dafür tun musste, wurde es um einiges besser. Wir haben nicht nur eine Menge über die Kulturen in anderen Ländern gelernt, sondern auch wie wir unsere eigene Beziehungskultur auf ein nächstes Level heben konnten.

Ich finde nachdem wir am Nordkapp angekommen waren lief alles vieeeel entspannter ab. Obwohl wir ein halbes Jahr Zeit haben, gibt es trotzdem einen Zeitplan und so blöd wie es klingt, meine größte Angst war das wir Skandinavien nicht in 3 Monaten schaffen und gar nicht bis nach Portugal kommen. Die Entfernungen sind wahnsinnig und ich hab Simon sehr dafür bewundert wie lange er am Stück Autofahren konnte. Schlussendlich waren wir um einiges schneller und dadurch viel entspannter. Irgendwann (ich glaub nach 2 Monaten) kamen wir an einem Punkt an dem wir die Route auch spontan änderten, Länder wegließen, ganz wo anders hinfuhren und viel lockerer wurden. Am liebsten hätte ich diese Einstellung, die ich zu diesem Zeitpunkt endlich hatte, schon am Anfang der Reise gehabt. Wie sagt man so schön? Man lernt nie aus und so wurden die Kilometer die wir fuhren weniger und die Tage entspannter.

Wenn man die Möglichkeit hat 24 Stunden am Tag sein eigener Chef zu sein und das über einen so langen Zeitraum, dann muss man sich nach spätestens 4 Wochen überlegen wie man sich selber beschäftigt. Zu Hause im Alltag hat man alles vorgegeben: Um 05:00 Uhr musst der Wecker klingeln, um 05:30 muss der Hund spätestens Kacken damit du um 06:00 am Bahnhof stehen kannst um pünktlich um 07:00 bei der Arbeit zu sein. Nach der Arbeit einkaufen, Wäsche machen, Wohnung putzen, Gassi, Kochen, usw.. 2-3h chillen und müde ins Bett fallen – aber ja nicht Wecker stellen vergessen! Die wenigen freien Tage werden dann noch genutzt um Auszuschlafen und schwups ist der halbe Tag eh wieder rum. Das Leben zu Hause gibt dir gar keine Zeit zu überlegen, will ich das denn alles? Bin ich denn zufrieden? Lebe ich so wie ich es immer wollte? Seit ich unterwegs bin kann ich diese Fragen definitiv für mich selber beantworten. Bei mir sind es gar keine großen Veränderungen die ich in Zukunft machen will, aber ich möchte unbedingt bewusster Leben. Die Zeit zieht an uns vorbei und ich hab keine Ahnung was ich eigentlich 2015 getrieben habe, großartig kann es nicht gewesen sein wenn ich es jetzt nicht mehr weiß.

Reisen ist ein rießen großes Privileg der Generation Y. Wenn ich 10 Jahre früher auf die Welt gekommen wäre dann hätte ich jetzt einen Haufen Schulden, vielleicht ein Kind und mit etwas Glück wäre der Mann auch noch da. Nie im Leben wäre es möglich (ha sag niemals nie!) einfach für ein halbes Jahr abzuhauen. Jeder der die Möglichkeit hat und es WIRKLICH will – bitte macht es!

Vielleicht kommt die große Erkenntnis über die eigene Persönlichkeit nicht, vielleicht entwickelt ihr euch nicht weiter, vielleicht seid ihr genau dort im Leben wo ihr sein möchtet. Aber was euch dann noch bleibt sind zahlreiche Sonnenuntergänge am Meer, neue Bekanntschaften, Wahnsinns Ausblicke von Berggipfeln und Erinnerungen an die große weite Welt da draußen. Allein dafür sollte man seine Sachen packen und der Gesellschaft mit ihren Regeln nur für einen kurzen Moment den Rücken kehren.

Und jedem der bisher gelesen hat wünsche ich einen schönen Tag und ein Lächeln im Gesicht – denn das Leben kann so schön sein!

Eine Antwort auf „behind the scenes pt. 1

  1. Liebe Doris. Ein sehr offener und interessanter Beitrag wie die bisherigen. Ich wünsche Euch noch viele interessante Erlebnisse und entspannte Aufenthalte an schönen Orten im südlichen Europa.

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